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Interview mit der Frankfurter Rundschau vom 26.06.2003:

"Eine Verrohung auf beiden Seiten"
Fachanwalt Christian Schertz über Friedman und das ambivalente Verhältnis von Prominenten und Medien

In der Kanzlei von Christian Schertz am Berliner Ku'damm suchen Prominente Rat, wenn sie sich schlecht von der Presse behandelt fühlen oder gegen falsche Schlagzeilen vorgehen wollen. Der Medienrechtsexperte kennt sich wie kein zweiter auf dem Gebiet des Persönlichkeitsrechts aus - und hat in zahlreichen Prozessen Schmerzensgeld und Gegendarstellungen erstritten. Er ist zudem Lehrbeauftragter für Medienrecht an der Hochschule für Film und Fernsehen Potsdam Babelsberg. Mit Christian Schertz sprach Oliver Gehrs (Foto: Frank Rothe).

Frankfurter Rundschau: Hat es eine mediale Hetzjagd auf Michel Friedman gegeben, oder war selbst die Boulevardpresse zurückhaltend, wie der stellvertretende "Stern"- Chef Hans-Ulrich Jörges meint?

Christian Schertz: Die Bild-Zeitung hat erst mit den ungeprüften Verdächtigungen Schlagzeilen gemacht, und als man gemerkt hat, dass die Vorwürfe nicht allzu viel hergeben, ist man umgeschwenkt und hat Friedmans Freunde zu Wort kommen lassen. So kann man mit beiden Versionen der Geschichte Auflage machen.

Kleine Geschichten riesig aufzublasen, gehört doch zum Wesen der Boulevardpresse.

Aber nicht, dass ungeprüft von Prostituierten, Kokain und Videobändern gesprochen wird, ohne den Betroffenen anzuhören, was eigentlich eine journalistische Pflicht ist. Man muss eben berücksichtigen, dass auch bei einem Promi wie Michel Friedman, der möglicherweise eine absolute Person der Zeitgeschichte ist, die Intimsphäre absolut tabu ist.

Die Privatsphäre ist aber bei jemandem, der so gern im Rampenlicht steht, schwer auszumachen.

 

Christian Schertz
Anwalt Dr. Christian Schertz
Foto: Frank Rothe

Gar nichts ist schwer: Als Journalist muss ich wahr schreiben. Ich muss aufpassen, dass ich den Intimbereich unberührt lasse - es sei denn, die Person hat sich selbst so mit dem Intimbereich in die Öffentlichkeit begeben, so dass dieses Recht verwirkt ist. Das dürfte bei Friedman schwerlich der Fall sein. Und dass Dritte ist: Ich muss bei Meinungsäußerungen darauf aufpassen, dass ich ihn nicht in seiner Menschenwürde verletze, weil wir dann den Bereich der Schmähkritik erreichen. Mit diesen drei Grundsätzen im Gepäck macht man als Journalist eigentlich nichts falsch.

In der Affäre Friedman wurden aber viele Schlagzeilen von der Staatsanwaltschaft bestätigt.

Das ist ja genau der Trugschluss. Die Journalisten müssen prüfen, ob sie eine Presseerklärung der Staatsanwaltschaft übernehmen können. Das ist geltendes Recht. Ich habe Fälle gehabt, bei denen Journalisten Erklärungen der Staatsanwaltschaft übernommen haben und anschließend erfolgreich auf Unterlassung verklagt worden sind.

Schuld ist also der Staatsanwalt?

Die Staatsanwaltschaft hat meines Erachtens einen eklatanten Fehler gemacht, weil sie früher hätte abwägen müssen, wie schwer die Folgen für Michel Friedman sind, wenn man gegenüber der Presse Erklärungen gibt. Die Vorwürfe sind - man kann das wohl so sagen - Peanuts, weil der bloße Konsum von Kokain genauso wenig strafbar ist wie ein Treffen mit Prostituierten. Wir reden also von zwei Verhaltensweisen im Intimbereich eines Prominenten, zu denen die Staatsanwaltschaft eigentlich gar nichts hätte sagen dürfen - wenn nichts erwiesen ist.

Die selbe Behörde hat damals geschwiegen, als Journalisten im Zusammenhang mit dem Berliner Bankenskandals recherchiert haben.

Im damaligen Fall, der für die Öffentlichkeit extrem relevant war, wurde von der Justizpressestelle unter Hinweis auf die Persönlichkeitsrechte die Auskunft verweigert. Dabei hatten wir damals presserechtliche Auskunftsansprüche. Hier dreht sich plötzlich alles um: Es geht um viel weniger, und das wenige wird völlig vorauseilend vom Pressesprecher des Staatsanwalts in die Welt gesetzt.

Hat ganz allgemein die Verletzung von Persönlichkeitsrechten zugenommen?

Nach meinem Eindruck ist das definitiv der Fall. Im Yellowpress- und Boulevardbereich wird mittlerweile mit der Verletzung von Persönlichkeitsrechten Geld verdient - auf rechtswidrige Art und Weise. Da ist der Unterschied zu anderen Berufsständen, die auch ständig mit Rechtswidrigkeiten Geld verdienen, nicht immer so groß. Auch die Zahl der Prozesse ist mit Sicherheit gestiegen.

Kommt das nicht eher daher, dass sich die Prominenten der rechtlichen Möglichkeiten bewusster sind und gern noch ein wenig Schmerzensgeld kassieren?

Das mit dem Schmerzensgeld glaube ich nicht. Aber natürlich wissen die meisten Prominenten inzwischen, dass man sich wehren kann und Unterlassungs-, Gegendarstellungs- oder auch Schmerzensgeldansprüche hat, wenn die Persönlichkeitsrechtsverletzung schwer ist. Die Höhe orientiert sich übrigens daran, was der Verlag an Gewinnsteigerung durch die Geschichte einkalkuliert hat.

Soll das heißen, in den Verlagen wird genau gerechnet, welche Persönlichkeitsverletzungen sich rechnen?

Manche Verlage gucken schon genau, was rechtlich kommen kann, wenn man auf einem Titel eine Falschmeldung bringt, nach der diese oder jene Person sterbenskrank ist. Und ob sich das Risiko für die zu erwartende Auflagensteigerung lohnt. Die Rechtsprechung ist durch solche Fälle schon deutlich härter geworden - mit Folgen für die seriöse Berichterstattung, die zunehmend schwieriger wird, wenn es um politische Zusammenhänge geht und um wirkliche Missstände.

Da sind wir beim Thema: Auch die Klagen von Politikern gegen die Medien haben deutlich zugenommen. Der Kanzler hat es ja vorgemacht mit seiner Haarfärbe-Nummer, Franz Müntefering hat bei der Bonusmeilenaffäre nachgezogen, dann Heide Simonis.

Was in der Tat zugenommen hat, sind rechtliche Schritte, die Politiker gegen Berichterstattung einleiten. Aber da muss man unterscheiden, was klug ist. Ob es richtig ist, gegen die Behauptung vorzugehen, dass man sich die Haare tönt, halte ich für sehr fragwürdig. So ein Prozess ist eher ein Bumerang, der zieht Folgeberichterstattung nach sich. Das hört dann nie auf. Jürgen Trittin dagegen hat sich zu Recht gegen die Bild und das falsch beschriftete Foto gewehrt, das ihn angeblich mit Bolzenschneider zeigte. Wohlgemerkt, ich sage nicht, es war eine Fotomontage, sondern es war ein Foto, das falsch beschriftet wurde.

Haben Sie Angst, von "Bild"-Chef Kai Diekmann verklagt zu werden?

Gerade Edelfedern und Chefredakteure sind die sensibelsten Prominenten, wenn es um die Berichterstattung über ihre Person geht. Das entbehrt in der Tat nicht einer gewissen Absurdität.

Weil das die Leute sind, die ihr Geld damit verdienen, über andere Leute zu berichten.

Eben. Schauen Sie sich den Prozess von Herrn Diekmann gegen die taz an...

...die dem "Bild" -Macher in einer Satire eine Penisverlängerung angedichtet hatte...

...da hat er geklagt, und letztendlich hat der Richter sinngemäß entschieden: Jemand, der mit Geschichten aus der Intimsphäre Auflage macht, muss sich mehr gefallen lassen.

Heißt das: Man kann seine Persönlichkeitsrechte auch verwirken?

In der Tat. Beispiel: Eine Person, die sich mit ihrer Intimsphäre in die Medien begibt und durch Homestorys vermarktet, ist irgendwann nicht mehr schützbar. Es kommt immer darauf an, ob sich der Prominente selbst mit diesem für ihn geschützten Bereich in die Öffentlichkeit begibt. Tut er das, sagen die Gerichte: Jemand, der sich so in die Öffentlichkeit begeben hat, muss sich das gefallen lassen.

Also darf sich Verona Feldbusch nicht wundern, wenn in der Diskothek ein Fotograf Bilder machen will? Stattdessen aber wird der Fotograf zusammengeschlagen.

Ich spreche hier immer von einer Verrohung auf beiden Seiten. Das hat man ja auch bei Prinz Ernst August von Hannover gesehen. Sicherlich ist dieses Verhalten, immer gleich auszurasten, nicht richtig gewesen. Aber wahrscheinlich ist es auch eine gewisse Hilflosigkeit und Machtlosigkeit gegenüber den Medien, die einem ständig nachstellen.

Viele Promis verkaufen doch ihr Privatleben an bestimmte Medien, die ihnen das meiste Geld bieten und verklagen dann andere, die ebenfalls berichten wollen.

Stimmt. Es gibt Prominente, die das Presserecht vorrangig dazu benutzen, Exklusivität für ihre Deals sicherzustellen. Ich halte das für einen Missbrauch. Wenn das Recht dazu benutzt wird, um hohe Honorare für Hochzeiten oder Kinderfotos sicherzustellen, ist das eine befremdliche gesellschaftliche und medienpolitische Entwicklung. Es gibt aber mit Sicherheit auch den Prominententyp, der flächendeckend nie über sein Privatleben spricht, seine Kinder und seine Familie heraushält und dagegen regelmäßig vorgeht und das konsequent tut, um ungestört leben zu können.

Das heißt: Wenn ich Oliver Kahn wäre, müsste ich nicht ständig knutschend auf der Titelseite von "Bild" erscheinen?

Mit Sicherheit nicht.


 

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